Digitale Barrierefreiheit: Warum Unternehmen jetzt handeln müssen

Digitale Barrierefreiheit wird durch das BFSG verpflichtend. Erfahren Sie, warum sie mehr ist als eine technische Aufgabe und wie Unternehmen sie nachhaltig umsetzen können.
Einführung
Digitale Barrierefreiheit wird für Unternehmen zunehmend verbindlich. Mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) rückt das Thema stärker in den Fokus, nicht nur für den öffentlichen Sektor, sondern auch für Teile der Privatwirtschaft. In der Praxis zeigt sich jedoch: Barrierefreiheit scheitert selten an fehlenden technischen Möglichkeiten, sondern an Strukturen, Prozessen und Verantwortlichkeiten.
Diese Einschätzung teilt André Richter, Director Digital Experience bei TYPO3 Solution Partner queonext. In seiner täglichen Arbeit begleitet André Organisationen bei der Konzeption und Umsetzung barrierefreier digitaler Angebote und beobachtet dabei immer wieder ähnliche Muster.
Gesetzlicher Druck schafft Aufmerksamkeit – aber keine Lösungen
Das BFSG wirkt vor allem als Katalysator. Es sorgt dafür, dass sich Unternehmen mit digitaler Barrierefreiheit befassen müssen. Inhaltlich ist vieles nicht neu: Für öffentliche Auftraggeber galten mit der BITV bereits seit Jahren verbindliche Regelungen. Neu ist vor allem die Reichweite und damit Sichtbarkeit des Themas.
In der Praxis führt das dazu, dass ein Teil der Auftraggeber mit klaren Anforderungen kommt, während andere erst durch gesetzliche Vorgaben beginnen, sich mit Barrierefreiheit auseinanderzusetzen. Besonders präsent ist das Thema dort, wo Prüfstellen, Aufsichtsbehörden oder formale Auditverfahren angebunden sind. In vielen privatwirtschaftlichen Kontexten hingegen wird Barrierefreiheit weiterhin als optional oder nachrangig wahrgenommen.
Barrierefreiheit ist mehr als Technik
Ein zentrales Missverständnis besteht darin, Barrierefreiheit auf technische Einzelaspekte zu reduzieren, etwa auf Kontraste, ARIA-Labels oder formale Prüfberichte. Diese Komponenten sind notwendig, greifen aber zu kurz.
Barrierefreiheit umfasst ebenso inhaltliche und semantische Fragen: verständliche Sprache, klare Struktur, nachvollziehbare Navigation und konsistente Orientierung. Sie betrifft nicht nur Menschen mit dauerhaften Einschränkungen, sondern auch situative Nutzungsszenarien – etwa bei schlechter Sicht, eingeschränkter Aufmerksamkeit oder mobiler Nutzung.
Wo Barrierefreiheit in Projekten häufig kippt
In vielen Projekten entsteht ein Bruch zwischen Konzeption und Betrieb. Zwar wird das Frontend technisch sauber umgesetzt, doch nach dem Launch gerät Barrierefreiheit aus dem Blick. Inhalte werden ergänzt, angepasst oder migriert, häufig ohne klare redaktionelle Leitlinien.
Besonders fehleranfällig sind:
- redaktionell gepflegte Inhalte ohne konsistente Struktur,
- Formulare und Self-Service-Bereiche,
- Video- und Multimedia-Angebote.
Ein technisch barrierefreies System bleibt nur dann barrierefrei, wenn auch die tägliche redaktionelle Arbeit entsprechende Standards einhält. Genau hier endet häufig die formale Zuständigkeit von Agenturen – und damit auch die systematische Qualitätssicherung.
„Nach der Befüllung kippt Barrierefreiheit oft. Ein fehlender Alternativtext oder eine ungünstige Verlinkung reicht aus, um formell nicht mehr barrierefrei zu sein.“
— André Richter, queonext
Automatisierte Tests: sinnvoll, aber nicht ausreichend
Automatisierte Prüfwerkzeuge sind ein wichtiger Bestandteil von Barrierefreiheitsprozessen. Sie helfen, technische Mindestanforderungen zu überprüfen und Schwachstellen frühzeitig zu erkennen. Allein reichen sie jedoch nicht aus.
Barrierefreiheit lässt sich nicht vollständig automatisiert bewerten. Semantik, Verständlichkeit, Kontext und Nutzbarkeit erfordern immer auch menschliche Prüfung. Sinnvoll ist daher eine Kombination aus automatisierten Checks und manuellen Tests, idealerweise als fortlaufender Prozess.
Barrierefreiheit als kontinuierlicher Prozess
Barrierefreiheit ist kein Zustand, der einmal erreicht und anschließend abgehakt werden kann. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess, der Anforderungen, Design, Entwicklung, Redaktion und Betrieb gleichermaßen betrifft.
Je früher Barrierefreiheit in Anforderungen, User Stories und Projektplanung verankert ist, desto robuster und wirtschaftlicher wird das Ergebnis. Späte Nachbesserungen, externe Audits und Korrekturschleifen verursachen häufig höhere Kosten als eine saubere Konzeption von Beginn an.
Einordnung aus TYPO3-Sicht
Auch für TYPO3 gilt: Barrierefreiheit ist kein Automatismus. Mit dem System lassen sich sowohl barrierefreie als auch nicht barrierefreie Websites umsetzen. Entscheidend sind Umsetzung, redaktionelle Nutzung und das Bewusstsein für entsprechende Standards.
Aktuelle TYPO3-Projekte zeigen, dass Barrierefreiheit zunehmend projektprägend wird. Das Thema Barrierefreiheit beeinflusst Struktur, Gestaltung und redaktionelle Arbeit in komplexen Webangeboten. Besonders bei großen und institutionellen Plattformen wird sie als langfristiger Qualitätsfaktor eingeplant. Das deutet auf eine Entwicklung hin, bei der Barrierefreiheit künftig fester Bestandteil professioneller TYPO3-Umsetzungen ist.
Weiterführende Inhalte
Dieser Beitrag basiert auf einem ausführlichen Gespräch mit André Richter im Business Insights Podcast. Die komplette Episode gibt es hier, sowie ein vollständiges Transkript auf Deutsch steht hier zur Verfügung.
