Von abrechenbaren Stunden zu skalierbaren Produkten

Digitalagenturen wachsen in der Regel, indem sie mehr Projekte übernehmen und die Teamkapazität erhöhen. Dieses Modell eignet sich gut für die Erbringung von Kundendiensten, führt aber auch zu einer strukturellen Einschränkung: Der Umsatz bleibt eng an die abrechenbare Zeit gebunden.
Viele Agenturen suchen daher nach Möglichkeiten, Projektarbeit durch wiederverwendbare Lösungen zu ergänzen. Anstatt das gleiche Feature immer wieder zu erstellen, können wiederkehrende Implementierungen in Produkte umgewandelt werden, die über mehrere Projekte hinweg genutzt werden. Diese Verlagerung von der reinen Dienstleistungserbringung hin zu skalierbaren Produkten wird innerhalb des TYPO3-Ökosystems zunehmend diskutiert.
Wie Agenturen diese Umstellung in der Praxis angehen, zeigen Einblicke aus dem aktuellen Business-Insights-Podcast. Einen wichtigen Beitrag in die Diskussion leistet Florian Keitgen, der seit mehr als einem Jahrzehnt in TYPO3-Agenturprojekten arbeitet und sich jetzt auf die Produktentwicklung bei der TYPO3 Partneragentur b13 konzentriert. Er formuliert es so:
"Wir wollen eigentlich keine Stunden verkaufen. Wir wollen Lösungen verkaufen."
Florian Keitgen, Leiter der Produktentwicklung bei b13
Agenturprojekte sind darauf ausgelegt, spezifische Probleme für einzelne Kunden zu lösen. Mit der Zeit erkennen Teams jedoch sich wiederholende Muster. In allen Projekten tauchen ähnliche Anforderungen auf: redaktionelle Arbeitsabläufe, Automatisierungsaufgaben, Benutzerverwaltung und Verbesserungen der Barrierefreiheit.
Diese wiederkehrenden Anforderungen zeigen oft Möglichkeiten für wiederverwendbare Lösungen auf. Was zunächst als projektspezifische Implementierung beginnt, kann sich schließlich zu einer Lösung entwickeln, von der mehrere Organisationen profitieren können.
Keitgen beschreibt, wie sich diese Erkenntnis oft direkt aus der täglichen Projektarbeit ergibt:
"Manche Produkte gehen aus einer konkreten Entwicklung für einen Kunden hervor, und dann stellt man fest: Das ist nicht der einzige Kunde, der dieses Problem hat."
In manchen Fällen geht das Signal von kleinen operativen Problemen aus, die die Projektabläufe immer wieder unterbrechen. Keitgen erinnert sich an ein Beispiel, bei dem eine einfache Verwaltungsaufgabe zu einer wiederkehrenden Support-Anfrage wurde: "Allein in diesem Projekt erhielt ich in einem Jahr 35 Tickets mit der Frage: 'Können Sie einen Benutzer für mich anlegen?'"
Wenn ähnliche Anfragen bei mehreren Kunden auftauchen, kann die Umwandlung der zugrundeliegenden Lösung in ein wiederverwendbares Produkt die sich wiederholende Arbeit reduzieren und gleichzeitig die Prozesse für Redakteurinnen und Administratoren verbessern.
Wenn ein Feature zu einem Produkt wird
Die Umwandlung eines Features in ein Produkt bringt andere Anforderungen mit sich. Eine projektspezifische Implementierung muss nur in einer einzigen Umgebung funktionieren. Ein Produkt muss über viele Organisationen, Infrastrukturen und redaktionelle Arbeitsabläufe hinweg funktionieren.
Dies erfordert zwangsläufig Kompromisse. Nicht jeder Featurewunsch kann berücksichtigt werden, und bei den Entscheidungen müssen Flexibilität und Wartungsfreundlichkeit gegeneinander abgewogen werden.
"Bei einem Produkt, das für viele funktioniert, wird es immer Fälle geben, in denen Kunden sagen: 'Das hätte ich auch gerne'", bemerkt Keitgen.
Aus diesem Grund beginnen viele Produktinitiativen mit einer klar definierten ersten Version. Je nach Feedback und Akzeptanz werden nach und nach zusätzliche Funktionen hinzugefügt.
Produktentwicklung innerhalb einer Agentur
Für die Produktentwicklung ist nicht unbedingt ein völlig separates Team erforderlich. In vielen Agenturen entwickelt sie sich aus bestehenden Projektstrukturen, in denen Entwickler, Designerinnen und UX-Profis auf der Grundlage ihrer Fachkenntnisse einen Beitrag leisten, während sie weiterhin an Kundenprojekten arbeiten.
"Es gibt keinen festen Produktentwickler. Wir schauen eher: Wer bei b13 hat welche Erfahrung und welches Wissen, das für diese Idee hilfreich sein könnte?", erklärt Keitgen.
Die Nähe zur Projektarbeit ist oft entscheidend, um sinnvolle Produktmöglichkeiten zu erkennen. Die direkte Interaktion mit dem Kunden bietet Einblicke in reale Arbeitsabläufe und wiederkehrende Herausforderungen.
"Das Ohr nah am Kunden zu haben, hilft bei der Produktentwicklung".
Preisgestaltung und Produktmarketing
Die Preisgestaltung für Produkte kann auch für Unternehmen, die an eine projektbezogene Abrechnung gewöhnt sind, eine Herausforderung darstellen. Bei der Projektarbeit ist die Preisgestaltung in der Regel an Stunden oder Umfang gebunden. Die Preisgestaltung für ein Produkt hängt jedoch vom wahrgenommenen Wert der Lösung ab und nicht von der Zeit, die für ihre Erstellung aufgewendet wurde.
"Das ist bei jedem Produkt ein Problem", sagt Keitgen und beschreibt die internen Diskussionen, die häufig mit der Einführung eines Produkts einhergehen.
Ein Produkt zu entwickeln ist nur der erste Schritt. Es für potenzielle Nutzer sichtbar zu machen, kann ebenso anspruchsvoll sein. Kleinere Agenturen haben oft nicht die Ressourcen, um groß angelegte Marketingkampagnen durchzuführen und gleichzeitig ihr Kerngeschäft weiterzuführen.
"Für eine einzelne Agentur ist es sehr kompliziert, nebenbei noch groß angelegtes Marketing für Produkte zu betreiben", erklärt Keitgen.
Die Sichtbarkeit der Produkte hängt daher oft von den bestehenden Netzwerken, der Reputation und der Zusammenarbeit innerhalb der TYPO3-Community ab.
Von Projekterfahrung zu skalierbaren Lösungen
Für Agenturen, die mit TYPO3 arbeiten, können sich durch wiederkehrende Anforderungen in der Projektarbeit Möglichkeiten ergeben, wiederverwendbare Lösungen zu entwickeln. Wenn diese Lösungen zu Produkten weiterentwickelt werden, können Agenturen ihr Fachwissen in großem Umfang in mehreren Projekten einsetzen, anstatt immer wieder das gleiche Problem zu lösen.
Der Übergang von abrechenbaren Stunden zu skalierbaren Produkten ersetzt nicht die Projektarbeit. Stattdessen fügt er dem Agenturmodell eine weitere Dimension hinzu – eine, die die Reichweite und den langfristigen Einfluss von Lösungen, die innerhalb des TYPO3-Ökosystems entwickelt wurden, erweitern kann.
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Dieser Artikel basiert auf Erkenntnissen aus dem TYPO3 Business Insights-Podcast. Die komplette Folge ist hier verfügbar, eine vollständige englische Abschrift finden Sie hier.
