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Digitale Souveränität und Open Source: Europas sich wandelnde technologische Grundlagen

Europäische Organisationen bewerten ihre Technologie-Stacks neu, da digitale Souveränität zunehmend zur Notwendigkeit wird. Erfahren Sie, warum Open Source sich als strategische Alternative etabliert.

Einführung

In ganz Europa überprüfen Organisationen aus dem öffentlichen wie auch aus dem privaten Sektor die Technologien, auf denen ihre digitalen Abläufe basieren. Der Bedarf an einer solchen strategischen Neubewertung hat sich im vergangenen Jahr deutlich verschärft. Die öffentliche Debatte über digitale Souveränität und den weiteren Einsatz von Software großer Technologiekonzerne hat inzwischen auch das EU-Parlament erreicht – der Ruf nach einer neuen strategischen Ausrichtung ist lauter denn je.

Auch auf staatlicher Ebene haben Bedenken hinsichtlich digitaler Souveränität und Datenschutz zu spürbaren Kurskorrekturen in der Technologiepolitik geführt. So kündigte das französische Parlament noch im Januar 2026 an, eine eigene nationale Alternative zu Microsoft Teams und Zoom einzuführen. Diese Entscheidung ist Teil einer umfassenderen Strategie, die Abhängigkeit von ausländischer Technologie zu verringern – als Reaktion auf eine Entwicklung, die Frankreich und viele andere Länder zunehmend als strukturelles Risiko betrachten.

Die Abkehr von ausländischen, häufig in den USA ansässigen Technologieanbietern erfolgt vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Spannungen zwischen der EU und ihrem größten Handelspartner, den Vereinigten Staaten. Von Fragen wie der Steuerpolitik für große US-Tech-Firmen in Europa bis hin zu neueren Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes für europäische Daten, die auf Servern in US-Besitz gespeichert sind, hat das jüngste politische Klima Institutionen des öffentlichen Sektors und private Unternehmen gleichermaßen dazu gezwungen, die Grundlagen ihrer Technologie zu überdenken.

Der Einsatz proprietärer Technologien zur Aufrechterhaltung und zum Ausbau der digitalen Präsenz einer Organisation war schon immer mit Kompromissen verbunden, und da immer neue Alternativen zur Verfügung stehen, ist der Einsatz von Open-Source-Technologien zu einer attraktiven Alternative geworden.

Open Source und digitale Souveränität

Open-Source-Lösungen werden seit vielen Jahren sowohl von staatlichen Einrichtungen als auch von privaten Organisationen eingesetzt. Gerade im öffentlichen Sektor zählen sie zu den frühen Anwendern, da sie ein höheres Maß an digitaler und datenschutzrechtlicher Souveränität ermöglichen. In Kombination mit uneingeschränktem Zugang zum Quellcode, der damit verbundenen Transparenz sowie dem Wegfall proprietärer Drittanbieterabhängigkeiten innerhalb des Technologie-Stacks hat dies europaweit eine Welle von Migrationen hin zu Open-Source-Lösungen ausgelöst.

Zu den bekanntesten Beispielen zählen die deutsche Plattform openDesk als Alternative zu Microsoft Office und Microsoft 365, Frankreichs oben erwähnte Abkehr von Teams und Zoom sowie die Einführung von Nextcloud im österreichischen Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft.

Auch auf regionaler Ebene treiben zahlreiche Kommunen und Bundesländer die Nutzung von Open Source voran. Besonders hervorzuheben ist das Land Schleswig-Holstein, das bei der Umstellung auf Open-Source-Technologien eine Vorreiterrolle einnimmt und dabei Leistungsfähigkeit und digitale Souveränität miteinander verbindet.

Treiber eines Wechsels zu Open Source

Mehrere Faktoren begünstigen die zunehmende Verbreitung von Open-Source-Software (OSS) in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen.

Projektsteuerung

Eine klare und wirksame Governance ist ein zentraler Erfolgsfaktor für Open-Source-Projekte. Im Mittelpunkt steht eine transparente Entwicklungsstrategie, in deren Rahmen verschiedene Stakeholder aktiv Einfluss auf die Weiterentwicklung eines Produkts nehmen können. Diese Offenheit schafft Planungssicherheit und ermöglicht einen direkten Austausch mit dem Projekt – Anforderungen können frühzeitig berücksichtigt und in zukünftige Entwicklungsziele integriert werden.

Demgegenüber stehen proprietäre Anbieter, deren Produkte oft nur begrenzt an individuelle Anforderungen angepasst werden können. Neue Funktionen und Produktupdates entstehen dort in der Regel nicht aus einem strukturierten Dialog mit der Nutzer-Community heraus. Proprietäre Technologien wirken häufig wie eine „Black Box“: Entwicklungszyklen sind weniger transparent, Updates schwerer kalkulierbar und die Rechenschaftspflicht gegenüber den Anwendern begrenzt.

Solche strukturellen Defizite zeigen sich in verschiedenen Bereichen – etwa bei der Reaktion auf Sicherheitsvorfälle, beim Zugang zu qualifizierten Expertinnen und Experten für Schulungen oder Support sowie bei der langfristigen strategischen Beratung.

Kostenerwägungen und Vendor Lock-in

Kosten spielen bei der Auswahl neuer Dienstleister eine wesentliche Rolle. Open-Source-Lösungen sind zwar frei zugänglich, verursachen jedoch eigene Aufwände – etwa für Implementierung, Integration von Erweiterungen und Drittanbieter-Tools sowie für Wartung und Support, die häufig durch spezialisierte Agenturen oder externe Entwickler erbracht werden.

Trotzdem unterscheidet sie ein entscheidender Vorteil von proprietären Modellen: die Abkehr vom klassischen Abonnementmodell. Gerade bei wachsender Organisationsgröße steigen Lizenz- und Nutzungskosten proprietärer Software oft erheblich an. Insbesondere bei Content-Management-Systemen kann eine zunehmende digitale Präsenz kontinuierlich steigende Kosten nach sich ziehen und damit die Skalierbarkeit einschränken.

Langfristig kann daraus ein Vendor Lock-in entstehen – eine Abhängigkeit von einem proprietären System, bei der ein Wechsel aufgrund hoher Migrationskosten und technischer Hürden kaum noch realisierbar ist. Open-Source-Lösungen wie TYPO3 hingegen ermöglichen uneingeschränkten Zugriff auf Quellcode und zentrale Datenbestände. Das schafft Flexibilität und stärkt die Kontrolle über die eigene digitale Infrastruktur.

Zugang zum Quellcode

Der freie Zugang zum Quellcode und die Möglichkeit, Software gezielt an individuelle Anforderungen anzupassen, sind zentrale Vorteile von Open Source. Die damit verbundene Flexibilität erlaubt es Organisationen, ihre Systeme unabhängig von einem vorgegebenen Funktionsumfang weiterzuentwickeln.

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie große Organisationen Open-Source-Software an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen und so ihre Zielgruppe im digitalen Raum erfolgreich ansprechen können.

Regulatorisches Umfeld

Cybersicherheit und Prävention digitaler Bedrohungen stehen europaweit im Fokus. Neue gesetzliche Vorgaben beeinflussen zunehmend die Auswahl von Technologieanbietern durch staatliche wie private Akteure. Der 2024 vom EU-Parlament verabschiedete Cyber Resilience Act (CRA) definiert verbindliche Sicherheits- und Resilienzanforderungen für digitale Produkte und Dienstleistungen, um Schwachstellen gegenüber Cyberangriffen zu reduzieren. Eine zentrale Konsequenz besteht darin, dass die Verantwortung für Sicherheitslücken stärker auf die Organisationen selbst verlagert wird.

Der CRA schreibt vor, dass Cybersicherheit bereits in der Entwicklungsphase berücksichtigt werden muss („Security by Design“). Zudem sind umfassende Nachweispflichten vorgesehen: Produkte müssen auf Grundlage von Selbsteinschätzungen als konform erklärt werden, Sicherheitslücken und Vorfälle sind offenzulegen und über ein neues Register an die europäische Cybersicherheitsagentur ENISA zu melden.

Für Organisationen, die in der EU tätig sind, bedeutet dies, dass sie in sichere Betriebsrahmen und vertrauenswürdige Software investieren und daran arbeiten müssen, erkannte Sicherheitslücken zu schließen. Open-Source-Produkte wie TYPO3 und andere, die strenge Sicherheitsstandards einhalten, mit klaren Aktualisierungszyklen, Wartung und Sicherheitsupdates sowie aktiver Unterstützung durch die Community, bieten einen Wettbewerbsvorteil und eine zuverlässige Alternative zu proprietären Technologien, bei denen die Sicherheitsstandards unklar und nicht für transparente Bewertungen verfügbar sind.

Zusammenarbeit als Vorteil

Open-Source-Projekte beruhen auf klar definierten Werten – Kooperation ist dabei ein zentrales Element. Im Bereich Content Management haben sich verschiedene Allianzen gebildet, in denen Open-Source-Initiativen gemeinsam auftreten, Wissen teilen und sich zu verbindlichen Best Practices bekennen.

Im Bereich der Inhaltsverwaltung sind dies die Open Website Alliance und die Open Source Business Alliance, wobei auch breitere Organisationsstrukturen mit Projekten aus anderen Branchen aktiv sind, darunter die Digital Public Good Registry.

Darüber hinaus ist die Transparenz in Bezug auf Schwachstellen ein wichtiger Vorteil von Open-Source-Lösungen, da der Austausch solcher Informationen auf freiwilliger Basis sowohl die Transparenz als auch die Glaubwürdigkeit der beteiligten Organisationen erhöht.

Der Open-Source-Vorteil: Menschenzentrierte digitale Lösungen

Der entscheidende Wettbewerbsvorteil von Open Source liegt nicht primär in einzelnen Funktionen oder technologischen Innovationen. Maßgeblich sind vielmehr Verantwortlichkeit, menschliche Kontrolle und Reaktionsfähigkeit – Faktoren, die im aktuellen politischen und wirtschaftlichen Umfeld an Bedeutung gewinnen.

Organisationen sind heute nicht mehr nur Konsumenten von Technologie, sondern tragen Verantwortung für deren Auswirkungen. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender KI-Integration, bei der Softwareentscheidungen weitreichende Folgen für Unternehmen und Gesellschaft haben können.

Open-Source-Projekte sind ihren Communities und Anwendern unmittelbar rechenschaftspflichtig – ein struktureller Unterschied zu proprietären Technologiekonzernen. Strategische Produktentscheidungen entstehen aus einem breiten Stakeholder-Dialog und nicht primär aus Renditeinteressen. Nutzerzentrierung ist integraler Bestandteil der Produktentwicklung, da viele Mitwirkende zugleich selbst Anwender sind.

Initiativen wie jene in Schleswig-Holstein verdeutlichen diesen Ansatz: Im Mittelpunkt steht nicht eine einzelne Funktion, sondern der Erhalt menschlicher Kontrolle über digitale Infrastrukturen.

Die offene Governance-Struktur stellt sicher, dass stets Ansprechpartner innerhalb des Projekts verfügbar sind – sei es aus einem Verband oder aus der Community selbst. Die Kommunikationskanäle sind klar definiert, Entwicklungszyklen transparent und von der Community getragen – im Gegensatz zu geschlossenen, herstellergetriebenen Prozessen proprietärer Anbieter.

Open Source als strategische Entscheidung

Softwareentscheidungen werden oft auf der Grundlage technischer Entscheidungen über wesentliche Funktionen oder aufgrund von Kostenerwägungen getroffen. In zunehmendem Maße betrachten Organisationen die Transparenz, Datenhoheit und Kontrolle, die mit Open-Source-Software einhergehen, als Faktoren einer umfassenderen strategischen Entscheidung, die Open Source zu mehr als einer Ausweichoption macht.

Um auf das Beispiel des Bundeslandes Schleswig-Holstein zurückzukommen: Die Entscheidung der Landesregierung, ausschließlich Open-Source-Technologien für ihre digitale Verwaltung einzusetzen, war eine direkte Folge ihrer Entscheidung, die öffentliche Verwaltung unabhängiger von proprietären Anbietern zu machen, wobei Datenschutz und Informationssicherheit als Schlüsselkomponenten dieser Entscheidung genannt wurden.

Die Entscheidung für Open-Source-Technologien sollte als proaktive Maßnahme betrachtet werden, die einen langfristigen, uneingeschränkten Zugang und die Lebensfähigkeit der Produkte gewährleistet, was für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen, die ihre digitale Präsenz sichern wollen, einen strategischen Vorteil darstellen kann.

Organisationen, die sich für Open-Source-Projekte entschieden haben, haben dies aus verschiedenen Gründen getan. Der gemeinsame Vorteil, der ein Schlüsselfaktor dafür ist, dass sie bei Open-Source-Lösungen bleiben, besteht darin, dass sie den Endnutzern die Möglichkeit geben, das Produkt selbst zu gestalten und es entsprechend ihren betrieblichen Bedürfnissen und Branchenanforderungen zu verfeinern. In Verbindung mit der Sicherheit, die der uneingeschränkte Zugang zum Quellcode bietet, und der Datenhoheit stellt dies einen überzeugenden strategischen Vorteil dar.

Fazit

Open-Source-Projekte ersetzen proprietäre Technologien nicht vollständig, bieten jedoch eine starke Alternative, die die Rolle von Organisationen innerhalb digitaler Infrastrukturen neu definiert.

Datenschutzbedenken – insbesondere im europäischen öffentlichen und privaten Sektor – haben eine umfassende Neubewertung technologischer Grundlagen angestoßen. Open-Source-Lösungen werden dabei zunehmend als tragfähige und nachhaltige Optionen wahrgenommen. Transparenz, uneingeschränkter Zugang, kollaborative Entwicklung und Datensouveränität bilden strategische Eckpfeiler für den nachhaltigen Ausbau digitaler Präsenz.

Der langfristige Erfolg eines Open-Source-Projekts hängt maßgeblich von einer aktiven Community ab, die an der Weiterentwicklung mitwirkt und sicherstellt, dass das Produkt den Anforderungen seiner Nutzer gerecht wird. Open-Source-Lösungen sind nur so stark wie die Gemeinschaften, die sie tragen, weshalb wechselseitige Beiträge unerlässlich sind, um ihre langfristige Tragfähigkeit zu sichern.